Raphaël Fendrich über den Tagungsband „Aufgeklärte Sozietäten, Literatur und Wissenschaft in Mitteleuropa”

június 14th, 2023 § 0 comments

Rezension

Dieter Breuer / Gábor Tüskés (Hrsg.): Aufgeklärte Sozietäten, Literatur und Wissenschaft in Mitteleuropa. Berlin, Boston 2019: Walter de Gruyter (Frühe Neuzeit 229). 567 Seiten. ISBN: 978-3-11-063375-7

Es empfiehlt sich den umfangreichen Tagungsband mit dem Vorwort Gábor Tüskés’ und dem einleitenden Beitrag Helmut Reinalters zur Bedeutung aufgeklärter Sozietäten zu beginnen. Die sich anschließenden Beiträge sind in drei Abschnitten gegliedert: I Akademische Bewegung und aufgeklärte Sozietäten in ihren Regionen; II Geheime Gesellschaften; III Autoren, Sammler, Wissenschaftsorganisatoren und die Freimaurerei. Wer als Fachfremder das ganze Buch liest, kann auf Grund der großen Zahl an Studien leicht den Überblick verlieren: Der Band enthält 31 Beiträge in deutscher (22), englischer (5) und französischer (4) Sprache mit Fragestellungen zur akademischen Bewegung, zu einzelnen Personen, zu verschiedenen Gesellschaften oder auch zu Gelehrtennetzwerken und einzelnen Quellen/Werken mit Bezug zur Freimaurerei und zu anderen Sozietäten. Mit dem Schwerpunkt auf den Habsburgischen Erbländern wird die Aufmerksamkeit auf eine in Hinblick auf die Thematik in der Forschung bisher stark vernachlässigte Region gelenkt. Die Beschränkung auf drei Veröffentlichungssprachen macht die Ergebnisse verschiedener Disziplinen ‒ darunter Literatur- und Sprachwissenschaft, Philosophie, Historiographie, Rechtswissenschaften ‒ einer breiteren Leserschaft zugänglich.

Helmut Reinalter charakterisiert zu Beginn verschiedene Ausformungen von Sozietäten und stellt den Forschungsstand dar (S. 1‒13). Er unterscheidet die Korporationen des Mittelalters, in welchen durch die „sozialen Gliederungen die Verbandszugehörigkeit“ bestimmt war, von den bürgerlichen Assoziationen/Sozietäten, die sich im 18. Jahrhundert als eine neue Form der Organisierung herausbildeten und durchsetzten. Skizziert werden verschiedene Organisationsarten: Akademien, patriotische und gemeinnützige Gesellschaften, Lesegesellschaften, Freimaurerei und Ge­heim­bün­de, Salons und Kaffeehäuser.

In Ivo Cermans Beitrag Die Rolle der Akademie im naturrechtlichen Staatsrecht Christian Wolffs am Anfang von Abschnitt I steht das Schul- und Bildungswesen im Mittelpunkt (S. 17‒30). Innerhalb eines strafrechtlichen Rechtsrahmens, so die deutsche Schule des Naturrechts, obliege es dem Herrscher, die Sitten der Bürger zu kultivieren, es liege somit in der Verantwortlichkeit des Staates ein Schulsystem einzurichten. Wolff, der auch von Samuel von Pufendorf beeinflusst wurde, verband Ideen in der Tradition von Comenius (Elementarbildung) und Leibniz (Sozietät der Wissenschaften), zu einem „System der allgemeinen Schulbildung, zu dem auch eine Akademie der Wissenschaften gehören sollte“ (S. 29). Hierbei handelte es sich nicht um einen Entwurf zur sofortigen Umsetzung, sondern um ein Projekt für die Zukunft. Im Aufsatz von Endre Kiss, „Über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften: Die Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1761, steht die Konzeption einer Aufklärung als linearer Prozess zur Debatte (S. 31‒48). Es wird der Begriff der Inter-Aufklärung eingeführt und diskutiert, Bewegungen, die der Linearität des Denkens und von Prozessen entgegenstehen oder diese aufhalten.

Gelehrte Korrespondenzen spielten für die frühneuzeitliche Wissenskonstitution und -akkumulation eine bedeutende Rolle. Franz M. Eybl betrachtet in diesem Zusammenhang das Briefnetzwerk des Altertumswissenschaftlers Christian Adolf Klotz, die Kontroverse mit Lessing sowie die Umstrukturierung gelehrter literarischer Kommunikation (S. 49‒61). Barbara Mahlmann-Bauer untersucht einen Kontakt des Gelehrtennetzwerkes Johann Jakob Breitingers, nämlich mit György Kalmár (S. 62‒94). Darüber hinaus enthält ein Anhang eine Übersicht über die Briefe Kalmárs (S. 94f.) und die Edition eines Briefes Breitingers an Kalmár und von sechs Briefen Kalmárs an Breitinger in lateinischer Sprache nebst deutscher Über­setzung (S. 96‒117). Kalmár kam nach abgeschlossenem Theologiestudium auf der Suche nach Förderern und Subskribenten nach Zürich. Der Erwerb des Hebräischen während des Theologiestudiums hatte sein Interesse für orientalische Sprachen geweckt. Dies machte den Kontakt mit dem Theologen und Hebraisten Breitinger für ihn interessant. Mahlmann-Bauer berührt neben biographischen und bibliographischen Fragen viele Aspekte dieses Kontakts im Kontext zeitgenössischer Debatten, so dass die Studie für verschiedene Interessenten lesenswert ist: Neben einem Beitrag zur Sozietätsforschung im Zusammenhang eines Korrespondenznetzwerkes erhellt sie theologiegeschichtliche Themen, die Geschichte von Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft, insbesondere Debatten der Hebraistik, jedoch auch zur Stellung des Ungarischen innerhalb der orientalischen Sprachen, bis hin zu ersten Thesen einer Verwandtschaft des Ungarischen mit dem Finnischen. Andreas Erb nimmt die Bedeutung der Deutschen Gesellschaften in den Ländern der Habsburgermonarchie in den Blick, insbesondere die Societas eruditorum incognitorum in terris Austriacis (Gründung 1746 in Olmütz), die einzige, welche eine gewisse Bedeutung erlangen konnte, während die 1760 in Wien gegründete Deutsche Gesellschaft sowie die von Schülern gegründeten am Gymnasium in Hermann­stadt oder am Lyzeum in Preßburg nur von kurzer Dauer und geringer Wirkung waren (S. 118‒141). Die schlechte Quellenlage erlaubt keine verlässlichen Angaben über Mitgliederzahlen und Aktivitäten dieser Ge­sell­schaf­ten. Ferenc Tóth untersucht die Rolle ungarischer Adeliger an der Akademie des ehemaligen polnischen Königs Stanislas Leszczynski in Nancy (S. 142‒160). Olga Penke stellt den Theologen József Péczeli und das von ihm gegründete Journal Mindenes Gyűjtemény (Mélange général) ins Zentrum ihrer Untersuchung zur gelehrten Gesellschaft von Komárom (S. 175‒188). Genauer analysiert werden die darin publizierten Artikel zur Académie Française, die für ungarische Autoren stets ein Akademie-Vorbild dargestellt hatte. Emese Egyed untersucht die Akademiebewegung an Hand der Erdélyi Magyar Nyelvmívelő Társaság / Société transylvaine (hongroise) pour le Développement de la Langue (hongroise) (1793‒1801) in Cluj (Kolozsvár/Klausenburg), wobei die meisten Sitzungen in Târgu Mureș (Marosvásárhely) stattfanden (S.189–205). Der Jurist György Aranka, eine Schlüsselfigur der Bewegung in Siebenbürgen, formulierte seine Ziele allzu ehrgeizig, weshalb das unterfinanzierte Projekt auch scheitern musste. Ergebnis der Bestrebungen waren einige Publikationen, die Veröffentlichung von Manuskripten wurde jedoch nicht autorisiert. Arankas angefertigte Listen, von denen Egyed schreibt, sie seien von großem Interesse, und seine Sammlungen blieben erhalten.

Was ist eigentlich das Wissenschaftliche an einer Gesellschaft aus Sicht der Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts? – Diese Frage möchte Béla Hegedüs klären, ausgehend von früheren Studien mit besonderem Blick auf die Pressburgische Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften (S. 206–214). Laut Hegedüs sprechen mehrere Argumente dafür, dass diese Gesellschaft freimaurerischen Ursprungs sei, dass es sich womöglich aber auch um eine Freimaurerloge handle, deren Name bisher unbekannt gewesen ist. Karl Gottlieb Windisch habe dann, auch aus finanziellen Gründen, versucht die Loge in eine öffentlich arbeitende Gesellschaft zu überführen. Es geht Hegedüs schließlich um die Abgrenzung des Wissenschaftsbegriffs – die schönen Wissenschaften von der Mathematik und den Naturwissenschaften –, wobei er fragt, wie es um den Literaturbegriff in der Aufklärung steht. Er sieht eine beginnende Absonderung der Literatur – zumindest bei Karl Gottlieb Windisch – von den schönen Wissenschaften. Dieter Breuer schreibt über die Rolle der 1787 gegründeten Litterarischen Gesellschaft zu Bonn im Kontext der im Vergleich zu den protestantischen Ländern rückständigeren katholischen Länder im Zeitalter der Aufklärung (S. 215–228). Schirmherr der Lesegesellschaft war der Kurfürst Erzbischof Maximilian Franz von Köln, der Bruder des Kaisers Joseph II. Breuer beschreibt die Gründung dieser Gesellschaft, gibt eine Charakterisierung und nennt die Bildungsziele. Im Zentrum steht der gut mit Freimaurern vernetzte Theologe und Aufklärer Eulogius Schneider, der ebenfalls Mitglied der Lesegesellschaft wurde. Man beauftragte ihn nach dem Tod Josephs II. 1790 damit, eine Trauerrede zu verfassen und zu halten. Diese Rede wird im Beitrag genauer untersucht. Geschildert wird noch das Schicksal der Lesegesellschaft im Kontext der Französischen Revolution und ihr Fortbestehen bis heute erwähnt. József Simon analysiert die ungarische von György Bessenyei zusammengestellte Textsammlung Bessenyei György Társasága (Wien 1777, S. 161–174). Das besondere dieser „Gesellschaft“ (= társaság) liegt darin, dass sie fiktiv ist und aus den in der Sammlung vertretenen Autoren besteht, die jedoch tatsächlich unter­einan­der korrespondierten. Simon betrachtet nur die fiktive Seite der „Ge­sell­schaft“. Analysiert werden die Freundschaft „als identitätsstiftendes Element der Aufklärungssozietät“ (S. 163) sowie ein Essay, der die „Aporien des Herzens und des Vernunftgebrauchs der Seele“ (S. 163) in den Mittelpunkt stellt. Simon stellt alles in den philosophiegeschichtlichen Kontext. Bessenyei löst den Grundkonflikt zwischen‚ Empfindung und Vernunft‘, zwischen Identitätsstiftung und auf Vernunftprinzipien gründender Aufklärungsgesellschaft nicht auf. Ob Bessenyei dies bewusst offen ließ?

Zwei Arbeiten befassen sich mit Fragen der Lexikographie: Margit Kiss vergleicht die sehr unterschiedlichen Wörterbuchkonzeptionen von József Teleki und Ferenc Verseghy anlässlich des 1817 ausgeschriebenen Marczibányi-Wettbewerbs (S. 229‒238). Einer der Hauptunterschiede liegt darin, ob ein einzelnes, sehr umfassendes Wörterbuch die bessere Alternative darstellt (Teleki) oder ob ein „lexicon etymologico-syntacticum“ von einer Reihe von Spezialwörterbüchern und einer Enzyklopädie ergänzt wird  (Verseghy). Auch in weiteren Fragen vertraten die beiden Autoren sehr unterschiedliche Ansichten, etwa in der Aufnahme von Phraseologismen, ebenso in der Durchführung des Projekts, der Finanzierung sowie bei organisatorischen Aspekten der Umsetzung. Eszter Cs. Herger zeichnet in ihrem Beitrag die Entwicklung der „Juristensprache“ nach, ausgehend von ersten Übersetzungen des Tripartitum ins Ungarische (1565) bis hin zum rechtswissenschaftlichen Wörterbuch der Ungarischen Gelehrten Gesellschaft (1843, 2. Auflage 1847, S. 239‒256). Problematisiert wird die mangelnde Eindeutigkeit der Fachbegriffe bei all diesen Bemühungen. Die „Juristensprache“ wird verkürzt definiert als „diejenige Schicht der Sprache, die sich aus der Gesamtheit von Fachwörtern der Staatsverwaltung, der Gesetzgebung und der Jurisdiktion zusammensetzt“ (S. 239); eine Definition, die sich anscheinend auf einen Aufsatz von Péter Jutai stützt. Es entsteht so ein unvollständiger Eindruck dessen, was eine Fachsprache ausmacht, diese lässt sich schließlich nicht auf den Wortschatz reduzieren. Auch übersetzungstheoretische Fragen werden nicht reflektiert: So ist von einem Übersetzungsfehler die Rede, zugleich heißt es aber: „die Ursache waren diesmal nicht Mängel der deutschen Juristensprache […], sondern die Zielsetzungen des Verfassers, der die Institute des ungarischen Rechts […] seinen deutschsprachigen Lesern näher bringen wollte“ (S. 252). Es wird hier nicht klar, ob es sich um einen unbeabsichtigten Fehler oder eine bewusste Entscheidung des Übersetzers handelt, welche etwa der Vereinfachung gedient haben mag und somit eine der Zielgruppe vielleicht doch angemessene Übersetzung darstellen würde. Die Unklarheiten, die sich aus sprachwissenschaftlicher und übersetzungswissenschaftlicher Sicht ergeben, schmälern den Gewinn der Lektüre in den rechtswissenschaftlichen und rechtsgeschichtlichen Darstellungen des Artikels jedoch nicht.

Am Anfang von Abschnitt II möchte Andreas Önnerfors Missverständnisse in der Forschung bezüglich der Relation Apologique et Historique de la Société des Franc-Maçons (1738) ausräumen (S. 259‒273). Er versteht sie als „Programmschrift für die Verbindung von Freimaurerei und Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert“ (S. 260), welche die Freimaurerei vornehmlich als wissenschaftliche Akademie charakterisiert. Die Schrift verbreitete sich außergewöhnlich schnell in Europa. Neben einer Wiedergabe wesentlicher Inhalte verweist Önnerfors auf viele Parallelstellen zu John Tolands Pantheisticon (1720) und hält die These des Pressehistorikers Jan Sgard für die plausibelste, dass es sich beim Verfasser der Relation um den Hugenotten Jean Gautier de Faget handelt. Önnerfors gibt somit einleuchtende Argumente für Einflüsse, welche auf die Schrift gewirkt haben, und für deren Verfasserschaft. Wer sich für die Freimaurerei in Schweden interessiert, kann sich an andere Publikationen Önnerfors’ halten. Marian Füssel untersucht die Wiener Freimaurerloge Zur wahren Eintracht als „kulturelle Kontaktzone“, d. h. deren kommunikativen Raum und möchte die Alltagsgeschichte der Loge betreffenden Forschungslücken schließen, wobei er sich auf deren veröffentlichte Protokolle stützt (S. 274‒289).[1] Füssel geht auf habitualisierte Praktiken ein, zeigt aber auch Widersprüche, (produktive) Spannungen und Machtstrukturen auf, etwa bezüglich des Ausschlusses von Personen und der Abgrenzung zu anderen zu profan erscheinenden Institutionen. Reinhard Markner nimmt die ersten Jahre der Prager Loge Strikte Observanz in den Blick (S. 290‒303). Zu Beginn standen utopische Pläne zur Gründung eines neuen Ritterordens. Dies scheiterte. In der Folge widmete sie sich der Wohltätigkeit. Markner zeichnet diese Entwicklung nach.

Márton Szilágyi stellt fest, dass Ferenc Kazinczys literarisches Werk wenig Spuren der Freimaurerei enthält, dass jedoch seine in Tagebuchform, aber im Nachhinein abgefassten autobiografischen Schriften sehr wohl Bezüge zur Freimaurerei enthalten und auch belegen, „wie viel ihm die Freimaurerei bedeutete.“ (S. 406‒412). Róbert Péter vergleicht in seinem Beitrag verschiedene Haltungen gegenüber esoterischen Über­zeu­gun­gen und Praktiken in den Schriften bedeutender ungarischer Freimaurer, ausgehend von dem Netzwerk des rationalistisch eingestellten Ferenc Kazinczy (S. 304‒318). Nach einem kurzen Überblick zum Werdegang Kazinczys, geht es um dessen freimaurerische Interessen ab den 1780er Jahren. Differenzen mit seinem späteren Schwiegervater Graf Lajos Török und zu seinem Freund Ádám Pálóczi Horváth ergaben sich unter anderem aus unterschiedlichen Einstellungen zur Alchemie, zur Esoterik und zu den Rosenkreuzern. Péter zeigt, dass eine Gegenüberstellung von Aufklärung und Gegenaufklärung häufig zu kurz greift, da Freimaurer, die dem Mystizismus und der Alchemie viel abgewinnen konnten, keineswegs zwingend den Rationalismus ablehnten. Theoretische Modelle, die beides berücksichtigen, wie die Konzeptualisierung einer ‚aufgeklärten Esoterik‘ (S. 316) von Monika Neugebauer-Wölk oder des ‚Super-Enlightenment‘ (S. 316f.) von Dan Edelstein, könnten solche Positionen deutlich präziser beschreiben. Der Zusammenhang von Alchemie und der entstehenden Pharmazie sei für Ungarn noch kaum erforscht, würde aber auch zur Klärung beitragen, inwieweit diese Wissenschaft im Geiste der Goldsuche gestanden hat.

Neben Péter befassen sich zwei weitere Beiträge mit dem vielfältigen Werk des Freimaurers Ádám Pálóczi Horváth. Gyula Laczházi untersucht den Geheimbundroman Aufgedecktes Geheimnis von 1792 (S. 413‒427). Er analysiert den Text, auch wenn direkte Bezüge zu anderen Geheimbundromanen nicht nachgewiesen wurden, im Kontext dieser europäischen Gattung. Damit verbunden ist eine Liebesgeschichte, die Elemente des empfindsamen Romans aufweist. Beides – Empfindsamkeit und Geheimbundthematik – stützt sich auf ein, wenn nicht gemeinsames, so doch sich überschneidendes Tugendideal: Geselligkeit und altruistisches Handeln. Inhaltlich-formal handelt es sich um eine Herausgeberfiktion, welche den mündlichen Bericht einer Initiationsgeschichte meist aus der Ich-Perspektive wiedergibt. Der Protagonist gerät aus seiner eigenen Sicht in einen Konflikt zwischen Vernunft (Freimaurer) und Leidenschaft (Liebe). Tatsächlich sieht Laczházi die Problematik nicht in einem Gegensatz dieser beiden Aspekte begründet, vielmehr werden für das Scheitern des Helden andere Ursachen angeführt: „seine Unentschlossenheit, Unsicherheit und mangelnde Hellsichtigkeit“ (S. 426). Der Text repräsentiert somit eine eigene Variante des empfindsamen Romans, welcher die Geheimbundthematik einarbeitet, wobei die Grundfunktion darin bestehe, Ideale der Freimaurerei zu verteidigen und zu popularisieren. Rumen István Csörsz zeigt Freimaurerbezüge in Horváths Spätwerk auf (S. 428‒438). Neben einer kurzen biographischen Skizze wird ein Überblick seiner Werke nach seinem Eintritt in die Pester Loge Zur Großzügigkeit (1789) gegeben.

Piroska Balogh untersucht Struktur und Inhalt der Verfassung der vom Grafen Johann Draskovics und Stephan Niczky gegründeten Draskovics-Observanz (S. 319‒331). Für Logen jener Zeit außergwöhnlich, wenn nicht einzigartig, ist der zweite Teil, welcher eine freimaurerische Anthropologie mit acht Grundtugenden enthält. Am Beispiel des Werdegangs des wenig bekannten Márton Palásthy (1755‒1788) wird zudem gezeigt, wie bestimmend seine Mitgliedschaft in der Loge für seine Karriere war: Sie ermöglichte sowohl den Aufbau eines Netzwerks mit Freimaurern als auch das Wirken in verschiedenen Bereichen (Bürokratie, Reformen, Wissenschaftsorganisation). Rekonstruiert wird sein Werdegang auf der Basis der Korrespondenz mit seinem ehemaligen Lehrer, dem Piaristen Károly Koppi.

Dem Einfluss der Freimaurerei auf siebenbürgische gelehrte Ge­sell­schaf­ten geht Annamária Biró nach (S. 332‒347). Die bedeutendste Rolle in Siebenbürgen spielte die Loge St. Andreas zu den drei Seeblättern in Hermannstadt, welche sich eine ehrgeizige Förderung der wissenschaftlichen Arbeit zum Ziel gesetzt hatte, Ziele, die in den meisten Fällen auch von den mit Beginn der 1790er Jahre gegründeten Gelehrtengesellschaften aufgegriffen wurden. Deren Gründungsmitglieder hatten der Loge angehört. Biró stellt Übereinstimmungen zwischen den Logen und den gelehrten Gesellschaften heraus.

Die Antimassonianische Societaet (A.M.S.) in Deutschland und in Dänemark stand nach Roland Martin Hanke nicht im Gegensatz zur Freimaurerei, sondern als Alternative neben ihr (S. 348‒361). Sie nahm zwar nur Adelige auf, bewusst aber auch Frauen. Für diese pietistisch geprägte Sozietät bildete die Gottsuche den Mittelpunkt. Ihr Bestand war von einzelnen Personen abhängig, dem Grafen Ysenburg-Büdingen und dem Grafen Heinrich XII Reuss. Als diese verstarben, löste sie sich auf und ging – paradoxerweise – in der Freimaurerei auf. Hanke wertet sie als „Ausformung der Flucht pietistisch denkender Adeliger in die Scheinwelt ritueller Ordnung“ (S. 361). Um ein klareres Bild über die A.M.S. zu erhalten, müsste die Forschung in mehreren Archiven weitere Quellenbestände ausfindig machen; Protokolle und Satzungen wären kritisch zu analysieren, um die Stellung der A.M.S. im Kontext der Sozietäten des 18. Jahrhunderts bewerten zu können.

Am Anfang von Abschnitt III untersucht Andrea Seidler das Netzwerk des Juristen, Montanwissenschaftlers und Großmeisters der Wiener Loge Zur wahren Eintracht Ignaz von Born auf der Basis der Physikalischen Arbeiten der einträchtigen Freunde in Wien, ergänzt mit einer Übersicht über Kontaktpersonen von Borns (S. 381‒405). Seidler schlägt vor, mathematische Netzwerkanalysen zu erstellen, was zu einem dynamischen Modell führen würde, das „Aufschluss über relevante Vernetzungen“ (S. 396) geben würde. Auch Olga Granasztói befasst sich in ihrer auf Französisch verfassten Studie mit der Loge Zur wahren Eintracht und mit deren Ein­fluss auf die Bildung des Grafen Antal György Apponyi und den Herzog Lajos Batthyány (S. 472‒482). Apponyi war an den ägyptischem Mysterien und maurerischer Gartenkunst interessiert und förderte die Musik, er stand beispielsweise mit Haydn in Kontakt. Auch Batthyány war an der Gartenkunst interessiert, setzte jedoch stärker Motive der griechischen Antike in Szene sowie der Philosophie der Aufklärung.

Etelka Doncsecz kann an Hand eines im Ungarischen Nationalarchiv aufbewahrten, zwischen 1787 und 1789 von Ferenc Verseghy erstellten Manuskriptblattes, das die Mitglieder der Pester Lesegesellschaft (vor 1787 bis 1795, informell womöglich länger) auflistet, nachweisen, dass Ferenc Verseghy diesen Personenkreis gut kannte, welcher auch aus Freimaurern bestand (S. 439‒448). Ob Verseghy selbst Mitglied der Lesegesellschaft war oder ob er selbst Freimaurer war, lässt sich damit nicht belegen. Thomas Șindilariu schildert ausführlich die komplizierten Erbstreitigkeiten, welche das Testament Samuels von Brukenthal auslöste, den langwierigen Prozess von der Testamentseröffnung im Jahre 1803, bis zur Eröffnung des Brukenthal-Museums im Jahre 1817 in Herr­man­stadt und beleuchtet dabei die Rolle Johann Filtschs (S. 447‒471).

Wertvolles leisten zwei englischsprachige Beiträge, die Quellenbestände detailliert erschließen: Réka Lengyel klärt, was von den maurerischen Dokumenten des Festetics-Archivs in Dég übrig geblieben ist (vgl. S. 362‒377), während Anna Tüskés Werke mit Bezug zur Freimaurerei aus der Bibliothek der Familie Festetics in Keszthely präsentiert (S. 483‒496).

Gábor Tüskés plädiert in seinem Schlussbeitrag dafür, die Kunst- und Büchersammlung des ungarischen Hochadeligen Mihály Viczay d. J. zu rekonstruieren (S. 497‒542). Die Sammlung, eine der „größten, wissenschaftlich am meisten fundierten und vielseitigsten“ (S. 541), umfasste neben der Bibliothek ein Münzkabinett, Gemälde, antike Plastiken und Raritäten. Sie ist heute verstreut, eine vollständige Rekonstruktion nicht mehr möglich. Dem Autor erscheint es lohnenswert, fachübergreifend – zumindest virtuell – mithilfe von Versteigerungs-, Museums- und Ausstellungskatalogen eine internationale Provenienzforschung zu betreiben, Netzwerke von Sammlern und Händlern zu untersuchen, und unbekannte Zusammenhänge der Sammlungsgeschichte zu erschließen, um das Bild Viczays zu vervollständigen. Man möchte hinzufügen, dass dieses genauere Bild Viczays umgekehrt gewiss neue interessante Details in Bezug auf kunstgeschichtliche Fragestellungen wie den Kunsthandel zu Tage fördern würde.

Mehrere Beiträge des Bandes sind reich mit Schwarz-Weiß-Abbildungen illustriert. Ein Personenregister erleichtert den Zugriff. Die Fülle an Fußnoten mit Verweisen stellen eine wahre Fundgrube für die Weiterarbeit dar, für welche gewiss all diejenigen dankbar sein werden, die sich in die Thematik vertiefen möchten. Die Beiträge sind allesamt von Fachleuten und Kennern ihrer Materie verfasst. Nur in Einzelfällen wäre es bei fachübergreifenden Arbeiten schlicht wünschenswert gewesen, wenn eine genauere Auseinandersetzung mit den Grundlagen des anderen Fachs stattgefunden hätte. Dies führt gewiss zu mehr Aufwand und zu komplexeren Fragestellungen, aber auch zu interessanteren Ergebnissen für weitere Leserkreise. Einzelne Beiträge hätten auch genauer lektoriert werden können.

Die Lektüre vermittelt insgesamt eine gute Idee von der Vielfalt aufklärerischer Bestrebungen zwischen dem 18. und dem frühen 19. Jahrhundert, jedoch kein geschlossenes Gesamtbild. Dies ist auch weder der Anspruch des Bandes noch der Reihe Frühe Neuzeit, in welcher er erschienen ist, deren Herausgeber einer vorschnellen Synthese ohnehin skep­tisch gegenüberstehen. Zwar schließen einzelne Beiträge Forschungs­lücken, die Mehrzahl zeigt jedoch vielmehr, wie unvollständig unser Bild aufgeklärter Sozietäten bis heute ist und gibt einen (beinahe überwältigenden) Eindruck davon, was an Forschung noch zu leisten wäre. Auf Grund der Wirkungsgeschichte der Sozietäten und der Bandbreite der versammelten Aufsätze, ist dem Band eine breite Leserschaft zu wünschen: Das Buch ist letztlich für jeden sehr empfehlenswert, der sich für Vereins-, Demokratie- und Wissenschaftsgeschichte interessiert, sowie für die Literatur des 18. Jahrhunderts. Neben dem Tagungsband ist erfreulicherweise ein ebenso lesenswerter Quellenband erschienen mit Quellen in latein­ischer und deutscher Sprache sowie ungarischen Quellen in englischer Übersetzung (jedoch ohne den ungarischen Originaltext).[2]

[1] Hans-Josef Irmen, Frauke Hess, Heinz Schuler, Hrsg., Die Protokolle der Wiener Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ (1781‒1785) (Frankfurt am Main: P. Lang, 1994).

[2] Réka Lengyel and Gábor Tüskés, eds, Learned Societies, Freemasonry, Sciences and Literature in 18th-Century Hungary: A Collection of Documents and Sources. (Budapest: Institute for Literary Studies, Research Centre for the Humanities, Hungarian Academy of Sciences, 2017).

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